Type rules

Die zehn Pflichten des Typografen

Über dieses Buch

Hardcover, gebunden, 80 Seiten.

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Der Typograf befolgt viele Richtlinien, die ihm helfen, aus dem Manuskript einen gestalteten Text zu erschaffen. Er kennt Hurenkinder und Schusterjungen, hat wohl auch vom Goldenen Schnitt gehört, und weiß deshalb: es gibt bei der typografischen Arbeit eine Menge zu beachten. Nun also zehn Pflichten? Noch dazu schriftlich. Und keine von ihnen hat mit Schriftgraden zu tun, mit Einzügen, Kapitälchen oder Tabellensatz.

Dieses Buch beleuchtet auf unterhaltsame Weise das Typografendasein und spart nicht mit selbstkritischen Seitenhieben. Dafür wird der Leser schließlich mit dem »Recht des Typografen« belohnt.

Buchcover Type rules: Die zehn Pflichten des Typografen

Die Pflicht zu lesen

Worin der geneigte Leser keine Pflicht sehen wird, denn er liest ja bereits dieses Buch. Dennoch wartet weitere Lektüre auf seine nimmermüden Augen.

Lesen Sie alles. Ausnahmslos. Lesen Sie Belletristik, lesen Sie Sachbücher. Und lesen Sie Gebrauchsanleitungen, Waschzettel, Packungsbeilagen und Eintrittskarten. Lesen Sie – und lesen Sie alles durch. Lesen Sie die Handbücher, die mit Ihrem Computer ausgeliefert werden, und lesen Sie auch die Lizenzvereinbarungen. Lesen Sie einfach alles. Hinter jedem Text steckt ein Schreiber.

Die Pflicht zu lesen schlägt Sie zwangsläufig auf die Seite des Lesers, dem alles mögliche vorgelegt wird. Wenn er sich davon abwendet, liest er unweigerlich etwas anderes, und wenn er seine Augen verschließt, dann verpasst er die Haltestelle, an der er aussteigen wollte. Aber egal, was er anstellt, er kann eh nicht aussteigen: überall und immer wieder warten Nachrichten auf ihn. Denn es wird viel Aufwand betrieben, damit er die Informationen überhaupt wahrnimmt.

Natürlich hat der Leser auch Rechte. Das erste Recht des Lesers ist das Recht nicht zu lesen; folglich versucht jeder Schreiber, uns gerade von diesem Recht abzubringen. Dabei ist dieses Recht der pure Luxus, denn wir verzichten höchstens auf Freizeitliteratur und natürlich auf die Lektüre wichtiger Dokumente am Arbeitsplatz, die uns zur Kenntnisnahme vorgelegt werden. In diesem Fall machen sich übrigens drei Arten von Ungern-Lesern bemerkbar:

Alle drei beschäftigen sich nur widerwillig mit dem Text, und das mit der Ausrede, sie hätten Wichtigeres zu tun.

Die Pflicht zu schreiben

Womit der eigenartig lange und gewundene Weg des Gedankens vom Kopf zum Stift in der Hand gemeint ist. Manchmal allerdings eine Sackgasse.

Diese Pflicht können Sie getrost wörtlich nehmen. Schreiben bedeutet von Hand zu schreiben. Also nicht tippen: keine technischen Hilfsmittel wie Computer, Schreibmaschine oder Handy benutzen. Und kommen Sie jetzt bloß nicht mit dem Argument, dass heutzutage jeder tippt. Ich würde Ihnen umgehend die Qualität Ihrer eigenen E-Mails und Blog-Postings vorhalten und in ein herzhaftes *lol* ausbrechen (*gg*).

Schreiben Sie von Hand. Schreiben Sie einfache Sätze. Damit fängt alles an. Und versuchen Sie am nächsten Tag, Ihr Geschriebenes zu lesen. Wenn Sie es nicht schaffen, fangen Sie noch einmal von vorn an.

Schreiben ist eine Handfertigkeit, die bereits in der Grundschule gelehrt wird. Sie sollten das Schreiben als Tätigkeit beherrschen.

Die Pflicht altmodisch zu sein

Was zu vergleichen ist mit dem Blick in den Kleiderschrank, der in der erleichterten Feststellung gipfelt: Das kann man jetzt wieder tragen.

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und nichts erfreut einen Hungrigen so sehr wie eine Mahlzeit, die ihm weitgehend bekannt erscheint. Wer bei einer Speise erst grübeln muss, verlagert seine Geschmacksnerven zwangsläufig ins Gehirn, und da gehören sie in Ermangelung einer Futterluke einfach nicht hin.

Solche Empfehlungen spricht für gewöhnlich der typografische Koch aus – und Recht hat er. Die Pflicht altmodisch zu sein, erlaubt uns aus reiner Gewohnheit auf altbewährte Mittel zurückzugreifen, wie angestaubt sie auch sein mögen.

Niemand muss sich schämen, wenn er lieber auf typografischem Festland bleibt, als auf unsicheren Wogen ins Ungewisse zu segeln. Daheim ist es vertraut, und Vaterns Dachboden bietet genug für kleine Entdecker. Sichten Sie den alten Plunder und seien Sie sicher: alles, was Sie auf dem Dachboden der Tradition finden, kann Sie letztlich vor dem kompletten Versagen retten.

Die Pflicht demütig zu sein

Was allein die Einstellung gegenüber der typografischen Arbeit betrifft, aber die übrige Lebenshaltung keineswegs beeinträchtigt. Zumindest nicht zwangsläufig.

Anfangs war die Erde wüst und leer. Aber der Mensch machte das Land urbar und ertragreich – im Schweiße seines Angesichts.

Mit diesem Bild vor Augen tritt der Typograf oft der täglichen Textwüste entgegen. Mit dem Unterschied, dass Typografen nicht so schnell ins Schwitzen geraten. Das liegt an der modernen Arbeitsweise: wir raufen uns zwar gern die spärlichen Haare und schlagen die Hände vors Gesicht, hauen auf die Leertaste (was uns umgehend Leid tut) und zerbrechen Bleistifte und Lineale (weshalb wir in der Materialausgabe unbeliebt sind). Von Schweiß kann also kaum die Rede sein, wenn wir im Jammertal der Texte ackern müssen.

Die Pflicht demütig zu sein, zwingt uns in den Staub, wenn wir wieder und wieder einen Zeichenausgleich vornehmen müssen. Das ist bei kurzen Texten schnell erledigt, aber bei langen Texten knien wir in der Ackerfurche, die Setzlinge in den erdigen Händen, und versuchen den fernen Horizont zu ignorieren.