Schwarze Märchen vom Schwarzen Mann

Kurzgeschichten

Über dieses Buch

Taschenbuch, 122 Seiten, oder E-Book.

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Der Schwarze Mann spukt als Schreckfigur in unseren Köpfen: Als Angst vor dem Bösen, aber auch als Angst vor dem Andersartigen und Unverständlichen. Doch zwischen Schwarz und Weiß finden wir viele Graustufen, so auch beim Schwarzen Mann. Denn das Schwarze in ihm kann sich sehr unterschiedlich äußern.

Die sechzehn Märchen erzählen vom Schwarzen Mann in verschiedenen Situationen zu unterschiedlichen Zeiten; sie erzählen von Arbeit und Hunger, von Wärme und Kälte, von Liebe und Hass und dem Streben nach Glück; sie erzählen auch vom Leben in oder neben der Gemeinschaft, ohne die der Schwarze Mann nicht vorstellbar wäre.

Denn die Gesellschaft braucht den Schwarzen Mann sowohl für ihre Ängste – um sich abzugrenzen – als auch für ihre Zwecke – um etwas zu erreichen. So zeigt sich das Schwarze nicht nur im Schwarzen Mann, sondern auch in der Gesellschaft, die ein bestimmtes Verhältnis zu ihm einnimmt und den Verlauf der Geschichten mitbestimmt.

Buchcover Schwarze Märchen vom Schwarzen Mann

Der Mann, der hungrig war

Es war einmal ein Schwarzer Mann, der lebte in einem armen Land. Es gab wenig Arbeit und der Schwarze Mann hatte großen Hunger, denn er fand kaum Arbeit. Wenn er Arbeit bekam, dann war es aber niedere und schwere Arbeit, denn die Leute mochten ihn nicht und fürchteten sich vor ihm.

Der Schwarze Mann arbeitete gut, aber zum Lohn gaben sie ihm wenig zu essen und er konnte nicht zu Kräften kommen. Dann wurde ihm die schwere Arbeit zu schwer, denn er hatte großen Hunger, und die Leute gaben ihm noch weniger zu essen, weil er die Arbeit nicht mehr so gut gemacht hatte. Schließlich war er zu schwach, um noch zur Arbeit zu gehen, und so machte er sich davon und verschwand.

Nun litt er großen Hunger auf seiner Wanderschaft. Und bald wußte er nicht mehr ein noch aus, so schnitt er sich sein rechtes Bein ab, um es zu essen. Daraufhin verlor er die Besinnung und fiel in einen fiebrigen Schlaf. Als er aufwachte, fühlte er sich ein wenig besser und er machte sich daran, das Bein aufzuessen, und er aß, bis er satt war und nur noch die Knochen übrigblieben.

Der Schwarze Mann hat einen Bruder

Es war einmal ein Schwarzer Mann, der trieb auf einem Floß vor der Küste. Ein Fischer in seinem Boot fand ihn und wollte ihn aus den Fluten ziehen. Aber der Schwarze Mann war mit Weidenruten am Floß gebunden. So zog der Fischer ihn mitsamt seinem Floß in sein Boot und band ihn los. Der Fischer flößte ihm Branntwein ein, damit der Gerettete wieder zum Leben kam, und der Schwarze Mann schlug die Augen auf und sah sich um. Er hatte sich selbst an das Floß gebunden, sagte er. Denn das Leben hatte ihm befohlen, nicht in dem Fluss zu sterben, in dem er ertrinken wollte. So hatte er sich an das Floß geklammert und sich festgebunden, und zusammen waren sie dem Meer entgegen geströmt.

Nachdem er dies erzählt hatte, fühlte der Schwarze Mann wieder das Leben in sich und er langte nach dem Ruder und erschlug den Fischer. Dann warf er ihn über Bord, damit der in den Fluten verschwand. Der Schwarze Mann fand in dem Boot nichts von Wert, also ruderte er zu den Bojen, von denen Leinen in das Meer hingen. Er zog die Leinen herauf, und daran hingen Körbe, in denen sich die Hummer verfangen hatten und nicht herausfanden. So warf er alle Hummer in das Boot und ließ die Körbe wieder hinab. An anderen Leinen hingen Krüge, in denen die Tintenfische Schutz gesucht hatten. Er warf auch die Tintenfische in das Boot und ließ die Krüge wieder hinab. Dann fuhr er in den Hafen, verkaufte den Fang und ging in ein Wirtshaus, um tüchtig zu essen und zu trinken, denn er hatte seit langem nichts mehr zu sich genommen. So wurde er schließlich satt, und das Leben machte sich in ihm breit. Er traf auf einen Fischer, der noch in der Nacht auslaufen wollte, um in aller Frühe die Netze weit draußen auf dem Meer auszuwerfen, und der Schwarze Mann bat ihn um Arbeit. Der Fischer willigte ein, und so legten sie noch in der Nacht ab.

Da waren noch zwei weitere Gehilfen an Bord, denn das Boot war ein Zweimaster, und der Eine stand am Ruder und der Andere setzte die Segel. Der Schwarze Mann besah sich alles, und als der Morgen anbrach, entdeckte er, dass dies ein gutes Boot war. Es lag gut vor dem Wind und fuhr schnell über die Wogen. Dabei war es wendig und leicht und schoss wie ein Pfeil dahin.

Da ging der Schwarze Mann zu dem Fischer, der die Netze hinauswarf, und warf ihn über Bord. Als die Gehilfen dies sahen, erschraken sie fürchterlich. Der Schwarze Mann aber sagte zu ihnen: »Wer Fische fangen will, soll zu den Fischen gehen. Wer einen großen Fang machen will, der bleibe hier.«

Da trat der Eine zurück, aber der Andere zauderte. So warf der Schwarze Mann auch diesen in die Fluten. Der Schwarze Mann sah den Einen an und fand die schwarze Nacht in dessen Augen. Daher vertraute er ihm. Sie fuhren über das Meer und trafen bald auf ein Schiff, das tief im Wasser lag, so schwer beladen war es mit Gütern, die es zum Hafen bringen sollte.

Der Mann, der ein Brot hatte

Es war einmal ein Schwarzer Mann, der ging über das Land. In seiner Tasche trug er ein Brot, falls er Hunger bekam. Denn er wollte nicht bei den Leuten klopfen für eine Mahlzeit. Die Leute, so hatte er gelernt, mochten ihn nicht. Sie mochten ihm nichts geben, sie mochten ihn nicht einmal ansehen, als fürchteten sie sich vor ihm. Sie schickten ihn fort und manchmal jagten sie ihn; also blieb er für sich und ging seines Weges.

Da sah er am Wegrand einen Greis sitzen, der zitterte in der Winterkälte oder er fror, weil ihm das Leben entwich. Der Schwarze Mann nickte zum Gruß und der Greis erschrak über alle Maßen und glaubte, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Der Schwarze Mann schritt voran, aber nun hörte er den Greis, der ihn mit schwacher Stimme anrief. Da machte der Schwarze Mann kehrt.

»Herr«, stammelte der Greis und wagte nicht ihn anzusehen, »Herr, tut mir nichts. Aber mir ist so elend vor Hunger und ich will nicht hier sterben. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann um etwas zu essen.« Dabei duckte er sich, als erwartete er Hiebe und Tritte, solche Angst hatte er.

Der Schwarze Mann, der das wohl sah, erwiderte: »Alter, bewahrt Euch Eure Wünsche.« Und er brach ein gutes Stück von seinem Brot und gab es dem alten Mann. Dieser wusste nicht, ob er weinen oder essen sollte oder beides zugleich. Und so zog der Schwarze Mann weiter.

Der Schwarze Mann kennt den Weg

Es war einmal ein Schwarzer Mann, der ging über das Land und kam zu Leuten, die sehr betrübt waren. So fragte er sie nach dem Grund für ihren Kummer und sie erzählten ihm, dass das Volk im Süden die fetten Weiden für ihr Vieh beanspruche und dem Volk im Norden blieb nur die Steppe mit dem trockenen Gras.

»Warum tun sich eure Völker nicht zusammen?«, fragte der Schwarze Mann. »Die fruchtbare Ebene dort unten ist genug für beide Völker.«

»Wir haben mit dem Volk dort nichts zu schaffen«, erwiderten sie. »Sie mögen uns nicht, und uns sind sie fremd.«

Da stieg der Schwarze Mann auf einen Hügel, sah einmal nach Norden und einmal nach Süden, ging hinunter zu den Leuten und sprach: »Ich werde euch zeigen, wie ihr es anstellen müsst, damit euer Vieh satt wird.«

Nun waren die Leute nicht mehr bekümmert, weil die schlechten Zeiten vorbei sein würden, und sie fragten den Schwarzen Mann nach dem Lohn für seine Arbeit. So nannte er den Preis, die Leute berieten sich und willigten schließlich ein.