Schwarze Geschichten zwischen Leben und Tod

Über dieses Buch

Taschenbuch, 114 Seiten, oder E-Book.

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Fünf Ereignisse geschehen in unbestimmten Zeiten, und fünf Männer müssen die Folgen tragen. Sie leben in eigenen Welten, die nicht friedlich oder freundlich sind, sondern bestimmt vom Zwang der Entscheidung:

  • Ein Mann, der mit Puppen spielt, entdeckt den besonderen Zauber des Spiels und findet seinen Gefallen daran.
  • Ein Mann wartet auf den Zug, der ihn in eine bessere Zukunft bringen soll. Doch mit ihm warten viele, und nicht alle dürfen mitfahren.
  • Ein Mann versucht in einem Zwiegespräch, sich zu erinnern, und muss sich mit seinem bisherigen Leben auseinandersetzen.
  • Ein Mann lebt abgeschieden in einer kleinen Kammer und spricht kaum ein Wort. Er hasst Veränderungen, doch seine Schwester schmiedet Pläne für ihre eigene Zukunft.
  • Ein Mann muss nach einem langen und harten Winter Arbeit finden und hat schließlich Glück. Doch das Jahr auf dem Bauernhof endet mit dem ersten Frost.

Fünf Geschichten spielen zwischen Leben und Tod; sie fragen nichts und sie beantworten nichts, aber das Schwarze im Menschen beleuchten sie schon.

Buchcover Schwarze Geschichten zwischen Leben und Tod

Der Puppenspieler

Das alte Herrenhaus stand weit draußen vor dem Ort auf einem Hügel, umgeben von einem großen, verwilderten Park, eingefasst in eine hohe Mauer aus Feldsteinen, darauf eine Legion von Eisenstäben. Das rostende Tor war verschlossen, und auf den ehemals stattlichen Rasenflächen machten sich Wildkräuter breit. Das Haus selbst schien zu verfallen: Die Farbe auf der Holzverkleidung platzte auf und blätterte ab in Wind und Regen.

Im Ort erzählte man sich Geschichten über das verlassene Haus; es solle darin spuken, man habe Stimmen gehört und Geister gesehen. Wie so oft wurden solche Gerüchte von Leuten in Umlauf gebracht, die verhindern wollten, dass ihre Kinder dorthin gingen. Aber wie im Einklang mit dieser Abschreckung oder auch als notwendige Folge davon, zog es immer wieder Kinder zu diesem nunmehr unheimlichen Haus, um mutig und heldenhaft einen Beweis zu erbringen – allerdings endete der Ausflug schließlich am rostigen Eisentor, wo die Stille bereits anfing, bedrohlich zu wirken.

Aber dann kam jener Abend, als einige Jungen die Mauer überwanden, mit heftigem Herzklopfen im Park standen, um schließlich – nach einer Ewigkeit – weiter zum Herrenhaus zu schleichen, wohl wissend, dass allein ihr verräterisches Atmen ihr frühes Ende heraufbeschwören konnte. Das Herrenhaus ragte in finsterer Abwehr vor ihnen auf, aber ein schmaler Lichtstreif drang aus einem der hohen Fenster. Davon angezogen, schlichen sie weiter, gelangten an das besagte Fenster, spähten hinein, wandten sich erschreckt ab, blickten erneut hinein, starrten, starrten wie gebannt, waren wie gelähmt, unfähig wegzurennen – unfähig zu schreien, starrten sie mit offenem Mund und aufgerissenen Augen hinein –, bis eine weitere Ewigkeit verstrichen war, und die Jungen atemlos und still zurückwichen, zurück schlichen, die Mauer hinter sich ließen, den Weg hinunter liefen, den Güterbahnhof vor sich sahen, wo bereits Licht herrschte, weiter rannten, keuchend, hechelnd, die Schienen übersprangen, die Straßen entlang, vorbei an dunklen Lagerhäusern und Schuppen; weiter zu den Straßen des Ortes, wo sich mehr Licht ausbreitete an Straßen und Plätzen – da waren Leute unterwegs, lachten und vergnügten sich –, weiter, weiter, die Beine taub, die Ohren taub, weiter zu dem Licht, das alleine Schutz verspricht: dem Elternhaus.

Die Station

Der Mann saß in der Halle der Station und wartete auf den Zug. Er saß dort schon seit geraumer Zeit, seitdem der vorherige Zug abgefahren war und er nicht mit durfte – und seit dem Zug davor. Der Mann grub seine Fäuste tiefer in die Taschen seines Mantels und wartete.

Nun waren andere Leute hinzugekommen. Sie nahmen auf den Bänken Platz oder standen an den Fenstern und blickten nirgendwo hin. Manche sprachen miteinander, die meisten jedoch schwiegen. Der Mann hatte seinen Hut tief in die Stirn geschoben und seinen Mantelkragen aufgerichtet; er blickte auf den Boden – dennoch sah er die anderen Leute: Sah ihre Schuhe, sah ihre Beine, sah ihr Hab und Gut. Der Eine trug Stiefel, die waren dreckig von der Arbeit, seine Spitzhacke lehnte an der Wand. Der Andere trug verschrammte, aufgebrochene Schuhe, seine Hosen waren staubig und befleckt. Dieser hatte einen Spaten. Dann war da Eine, die einen Korb mit aufgeregten Hühnern unter die Bank schob, ihren weiten Rock darüber breitete, und das Gegacker des Geflügels verstummte. Noch eine Andere umklammerte ihre Tasche und wehrte gelegentlich die fordernden Zugriffe ihrer Kinder ab, deren Beinchen von der Bank hingen, zappelnd in Unruhe, barfuß, die Zehen verknotend.

Noch mehr Leute trafen ein und füllten die Halle. Noch mehr Dünste von Schweiß, von saurem Schweiß, breiteten sich aus; muffige Mäntel und durchnässte Jacken erzählten ihren Weg, schwätzten von Arbeit und stöhnten vom täglichen Scheitern. Der Rauch von Lagerfeuern quoll heraus, auch der Staub der Straßen; und die Gerüche mischten sich mit dem der Tiere, die an Stricken mitgeführt wurden. Die Luft in der Halle war längst verbraucht und stank muffig, doch niemand mochte vor die Tür gehen, obwohl es schon lange nicht mehr regnete; alle blieben, warteten, schwiegen und warteten – und weitere Leute strömten herein.

Die Dunkelheit brach heran, es wurde spät, und manch einer tuschelte mit seinem Nebenmann, aber bald wurde es wieder stiller, denn die Nacht hatte sich gesenkt, und nun wussten alle, dass kein Zug mehr eintreffen würde.

Als der Morgen graute, war alles wie am Abend zuvor. Ein jeder war noch an seinem Platz: müde, hungrig und durstig. Der Mann blickte auf die Füße derer, die ihn umgaben, und wusste, dass niemand gegangen war. Alle warteten auf den Zug, und er hoffte, dass er diesmal mitfahren konnte. Er durfte nicht wieder abgewiesen werden, er musste einfach fort. Er musste endlich fort von hier.

Ein stilles Haus

Der Wagen bog von der Straße ab, durchquerte die breite Toreinfahrt und fuhr langsam die geschotterte Auffahrt hinauf. Der Weg ging in eine Biegung über die Anhöhe, und dahinter wurde schließlich das Herrenhaus sichtbar. Der Fahrer fuhr am Portal vorbei und hielt ein Stück abseits an; vermutlich befanden sich dort die Wirtschaftsräume.

Der Fahrer stieg aus, setzte den Hut auf und nahm seine Tasche vom Rücksitz. Er schloss die Türen, verriegelte sie jedoch nicht, und ging zum Portal. Er klopfte mit dem schmiedeeisernen Türklopfer und wartete. Eine Bedienstete öffnete ihm und wünschte ihm einen guten Tag. Der Mann nahm den Hut ab, stellte sich vor als Doktor Freund – und: die Herrin erwarte ihn bereits; er käme zur jährlichen Untersuchung ihres Bruders Gregor.

Da eilte auch schon die Hausherrin heran, eine junge Dame mit strahlendem Lächeln und einem leichten Sommerkleid und: „Ah, Sie müssen Doktor Freund sein“, streckte sie ihm die Hände entgegen, um ihn willkommen zu heißen.

[...]

„Was ist mit Ihrem Bruder?“

„Nichts, so hoffe ich. Jedoch ist es Bedingung, dass er sich einmal im Jahr untersuchen lässt. Denn er verlässt sein Zimmer so gut wie nie – seit … nun ja, Sie werden es vermutlich ohnehin schon wissen – seit dem tragischen Tod unseres Vaters.“

Die Krähen ziehen dorfwärts

Er hing vornüber im Stacheldrahtzaun und rührte sich nicht. Seine rechte Schulter lag im dreckigen Schnee, er fühlte sie nicht mehr, sie war taub vor Kälte. Er hing mit dem Bauch über dem Stacheldraht, und die Stacheln hatten sich durch den dünnen Mantel gebohrt – wenn er atmete, spürte er ihre brennenden Stiche. Angestrengt hielt er den Kopf erhoben, um die Männer zu sehen. Sie standen am anderen Waldrand und hielten Ausschau. Ihre Hunde waren aufgeregt, schlugen jedoch nicht an.

Er war mit dem linken Ärmel hängengeblieben und dann ausgerutscht. Er hob den linken Arm vorsichtig, um ihn aus dem Draht zu befreien, doch die Stacheln saßen fest. Weiter wollte er den Arm nicht heben – man könnte ihn sehen. Also ließ er es sein. Der Arm brannte. Vermutlich ein Riss. Er bewegte seine Füße, doch er spürte sie kaum in den nassen Schuhen.

Es kam ihm vor, als hinge er schon seit Stunden dort fest. Die fahle Wintersonne war nun hinter dem Wald verschwunden, und der Bereich um ihn herum wurde dunkler. Die Männer hatten ihn nicht bemerkt, weil hier kaum noch Schnee lag, und in dem dunklen Dreck fiel er nicht auf. Doch nun setzte der Abendfrost ein, und der Mann spürte, wie die Kälte in seinen Körper kroch.

Die Hunde wurden plötzlich lebhaft und schlugen an. Die Männer ließen sie von der Leine, und sie jagten los. Der Mann fing an zu schwitzen und regte sich, doch dann stöhnte er vor Schmerz; es war ihm nicht möglich, sich zu befreien. Er reckte den Schädel hoch, so weit es ging, sah die Hunde hechten, die Männer rannten hinterher – dann verlor er sie aus den Augen und er ließ den Kopf sinken.

Erneut zwang er seinen Kopf hoch, verdrehte ihn und lauerte angestrengt. Dann brach weit hinten eine Rotte aus dem Wald, die Hunde geiferten hinterher, und er wusste, sie hatten seine Spur verloren.