Der typografische Koch – es ist angerichtet

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Über dieses Buch

Taschenbuch, 136 Seiten.

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Die Lätzchen umgebunden! Denn zwischen Essen und Lesen besteht kein erwähnenswerter Unterschied. Auch die typografische Küche bedient Hungrige und Naschkatzen, Gourmets und Zwangsernährte, Allesvertilger und Wenigstens-Probierer. Und auch die typografischen Rezepte lassen oft zu wünschen übrig: Darüber fällt der typografische Koch freilich sofort her.

Und geht anschließend mit gewetztem Tranchiermesser auf Streifzug durch Medien, Werbung und Sprachgebrauch. Denn Typografie, so meint er, ist keine Kochnische auf einer Wellness-Insel, sondern die Imbissbude an der Straße des Alltags.

Also stochert der typografische Koch in liebloser Info-Kost und seziert halbgare Kommunikation; er würgt an welker Unterhaltung und vermisst nahrhaften Geistesgenuss. Bei aller zynischen Kritik an nüchterner Küche hilft er doch sogleich beim Würzen: Er gibt ständig seinen Senf dazu.

Buchcover Der typografische Koch: Es ist angerichtet

Liebe in Zeiten des Cholesterin

Die dicken Typen sind unbeliebt wie nie zuvor, und das nicht nur wegen falscher Ernährung. Denn in Zeiten schleichender Reduzierung sind Schlankheitsidole willkommen, auch wenn ihre Argumentation dabei recht mager ausfällt. Aber ich – ich mag die dicken Typen: Sie haben das gewisse Etwas.

Also kalorienarm soll es sein. Und fettreduziert. Jetzt bestehen sie sogar auf linksdrehende Joghurts und reden schon öffentlich über ihre Verdauung. In den Werbespots wird mehr Wasser getrunken als in ganz Äthiopien zur Verfügung steht. Sie wollen sich nicht belasten und achten auf Ernährung – Halbfettmargarinejoghurteis undsoweiter. Hat mal jemand einen Eimer?

Und was sind das für Typen, die sich so outen? Nicht nur blasse und blutleere Frauen – auch Männer: Scharen von farblosen Weicheiern leben reduziert und sehen genauso aus.

Als Koch kann ich da glatt einpacken. Neuerdings scheint nur noch Typografie gefragt, die politisch korrekt, nüchtern, sachlich und schlank daherkommt. Bloß keine Emotionen! Bewusst und leicht genießen, ganz verspannt im Hier und Jetzt. Man reiche mir endlich einen Eimer.

Was sind das für Zeiten, in denen dem Körper soviel Gewicht beigemessen wird? Angesichts der deutschen Geschichte hatten wir doch verhältnismäßig wenig fette Jahre, in denen wir mit den Pfunden wuchern konnten. Die nächste Krise kam bestimmt, kommt bestimmt und ist schon da. Natürlich ist es ein schleichender Schwund, aber sagen Sie später nicht, Sie hätten von nichts gewusst: Erst wurden die dicken Typen verdrängt und überall prangten dafür die Halbfetten, bis auch sie den Mageren weichen mussten. Welch ein Abgesang auf Gestaltung und welch ein Heer an dürren Gestalten.

& per se

Kalbfleisch & Kroketten sollte als Tagesmenü auf der Tafel stehen. Aber jetzt, die Kreide in der Hand, verzweifle ich am vermaledeiten &, dem gehätschelten Typo-Liebchen. Höchste Zeit, dieses Goldene Kalb der Typografie zu schlachten.

Es fängt damit an, dass man das & nicht schreiben kann: Die Ligatur hat zwei Enden, aber keinen Anfang. Also eine typografische Wurst? Stimmt leider nicht: Eine Wurst ist einfach. Dann vielleicht eine Brezel? Auch nicht richtig, denn eine Brezel sieht trotz der Schnörkel nach Backware aus. Nein, das & ist ein echtes Schätzchen, ein Praliné. Aber das hat an der Fritteuse nichts verloren.

Und es hört damit auf, dass sich diese Ligatur so prätentiös gibt. Dabei heißt es nur et, also und. Wie kann man sich so aufspielen! Offenbar gibt es genug Dumme, die darauf hereinfallen. Wieviel Latein beherrschen wir denn, um ein unangebrachtes et zu rechtfertigen?

Man sieht der Ligatur sein et nicht mal an. Genausogut könnte man versuchen, anhand einer Bulette ein Rind zu zeichnen. Die &-Ligatur ist eben auch nicht mehr als ein Klops. Und deshalb kein Beitrag zum Menü. Trotz des Schirmchens.

Kreation und Ligatur in einem: also eine Kreatur. Was hat diese Kreatur in unserem Alphabet eigentlich verloren? Widersetzt sie sich doch dem üblichen Schreibduktus und gestaltet sich dabei als komplexes Gebilde, das in der lateinischen Schreibweise keine Entsprechung findet. Nicht einmal sucht.

Wenn es Landlüge ist

Schmeckt wie damals daheim, und alles, was man dazu braucht, sind ein Dosenöffner und eine Mikrowelle. Aber ich fürchte, die gute, alte Zeit kann nicht so einfach konserviert werden. Und nun graut mir davor, sie auch noch aufzuwärmen.

Die liebe Omi auf dem Dosenetikett lächelt freundlich unter ihrem silbernen Haar. Hühner-Nudel-Topf ist ihre Spezialität. Die kocht sie jeden Tag. Ich frage mich, wie sie täglich ihren Suppentopf in die Fabrik bringt: Mit dem Handwagen oder per Gehhilfe? Na, von mir aus auch im Senioren-Taxi. Hauptsache ist, sie lächelt lieb auf dem Etikett. Darunter steht in Schönschrift, dass es sich tatsächlich um Hühner-Nudel-Topf handelt, und zur Sicherheit ist die volle Terrine auch noch abgebildet. Hier gibt es keinen Zweifel: Das ist Omis Suppe. Und sie schmeckt genau so.

Omis kann man nur liebhaben. Sie müssen nicht zur Arbeit hetzen und haben auch sonst keinen Stress. Sie schimpfen nicht wie Mutti und sind überhaupt verständnisvoll, aber keineswegs nachtragend – im Gegenteil: sie sind immer für uns da. Und wenn sie nicht gerade wieder Plätzchen backen, dann kochen sie Hühner-Nudel-Topf oder eine andere Hausmannskost, die wir bestimmt mal bei ihr gegessen haben.

Wenn Omi morgens aufwacht, tasten ihre Finger nach dem Glas mit ihren Zähnen und nicht nach dem Glas mit ihrem Schnaps. Ihr Husten kommt höchstens vom Asthma, aber bestimmt nicht vom Rauchen. Sie kann von ihrer Rente leben und sitzt zufrieden in ihrem Sessel, aber sie siecht nicht in ihrem Bett dahin, weil ihr Krebs im Krankenhaus nicht mehr behandelbar ist.

Nun hat sie also wieder Hühner-Nudel-Topf gekocht und in die Fabrik gekarrt. Eine andere Omi hat Kuchen gebacken, gleich drei verschiedene Sorten, und sie in Alufolie eingeschweißt. Auch diese Omi lächelt lieb. Aber sie hatte nur eine kursive Garamond in ihrem Nähkästchen. Macht nix, Omi.

Die verbotene Frucht

Ist die deutsche Sprache nun vielfältig oder einfältig? Die Frage lässt sich leicht beantworten, wenn ich bedenke, dass der Sprachschatz, den Jacob und Wilhelm Grimm mühevoll zusammentrugen, heute mühelos zurück in den Staub getreten wird.

Am Anfang war die Erde wüst und leer. Welch ein himm­lischer Zustand muss das gewesen sein. Aber die Zeit schritt voran, und schon kam ein Einzeller, gefolgt von einem Mehr­zeller, und bald darauf entschloss sich der Quastenflosser zu einem ausgedehnten Strandspaziergang. Schließlich mochte er gedacht haben: »Nette Gegend hier. Ich seh mir auch den Rest der Insel an.« Was dann folgte, war Schöpfung oder Evolution, je nach Betrachtungsweise. Aber pochen Sie nicht zu sehr auf dem Schöpfungsgedanken, denn es endete damit, dass sich Alexander auf die Socken machte, dann schnürte Cäsar seine Wandersandalen, auch Dschingis Khan konnte die Füße nicht stillhalten, ebensowenig Cortez, Napoleon und Hitler. – Um nur die geläufigsten Geschöpfe zu nennen.

Was aber zwischenzeitlich geschah, bedarf der besonderen Erwähnung. Denn Gott erschuf den Menschen »zu seinem Bilde«, und es heißt dort nicht: nach seinem Ebenbild; ein Blick in den Spiegel genügt mir als Beweisführung. Und Gott »gebot dem Menschen und sprach« und der Mensch sprach auch (»da sprach der Mensch«). Nun haben sich etliche Gelehrte – und auch Normalsterbliche – gefragt, in welcher (Ur-)Sprache denn der Schöpfer zu seinem Geschöpf gesprochen haben mochte. Neben Hebräisch und Aramäisch gab es durchaus andere Überlegungen, je nach politischer, religiöser und nationaler Einstellung.

Denn die Ursprache, darin waren sie sich einig, musste die heilige Sprache sein, die eigentliche und gewollte Sprache. Alle weiteren Sprachen konnten nur unvollkommene Ableitungen sein, die an die Reinheit der Ursprache nicht heranreichten: sie waren minderwertig. Lange Zeit wurden hitzige Debatten geführt, dabei ist die Frage viel leichter zu beantworten. Gott, der Schöpfer, brauchte keine weltliche Sprache. Er brauchte nicht einmal Worte und Begriffe, um zu kommunizieren. Er, der Allmächtige, sprach zu seinem Geschöpf, ohne den Mund zu öffnen. Und folgerichtig verstand sein Geschöpf und antwortete auf die gleiche Weise. Und das ist es, was mir am Alten Testament wirklich gefällt: Die Leute konnten damals noch die Klappe halten.

Diesen paradiesischen Zustand finden wir heutzutage längst nicht mehr vor, denn alle Welt sabbelt und brabbelt, schwätzt und schwafelt, mosert und motzt, proklamiert und dementiert, jammert und beklagt sich. Kommunikation ist der Mangel an geeigneten Worten und offenen Ohren.

Die Ursprache muss höllisch kommunikativ gewesen sein – Verständigung ohne Worte. Selbst die Schlange im Paradies konnte sich daher unmissverständlich zu Wort melden. Und immerhin erfüllte der Baum der Erkenntnis seine Aufgabe insofern, dass die »Männin« im Nachhinein zu der Erkenntnis gelangte: »Das hätte ich nicht tun sollen.« Und so ist es bis heute geblieben: Die Menschheit folgt seither brav dem Prinzip der verspäteten Erkenntnis – immer wieder aufs Neue.

Krautsalat

Die visuelle Kommunikation lässt nichts aus, um mich vom Herd fernzuhalten. Nun hat das verflixte Webdesign die Macht über meinen Magen ergriffen. Aber starre Seiten im Netz verursachen bei mir mittlerweile nachhaltiges Sodbrennen.

Wenn sich alte Männer einsam fühlen, verschaffen sie sich Abwechslung und schließen sich in ihrem stillen Kämmerlein ein; dort gehen sie ins Internet und besuchen die entsprechenden Websites. Neulich war ich so niedergeschlagen, dass ich es auch einmal versuchen wollte, und landete bei »Der Stürmer«. Danach war ich noch niedergeschlagener. Das Web 2.0 strahlt noch immer nicht in die dunklen Gossen des Internets.

Oi, oi, oi. »Der Stürmer« steckt tief im Schlamassel und bräuchte dringend ein Redesign. Schon die pausenlos rotierenden Hakenkreuze verwirren den User; wie soll er sich da auf den Inhalt konzentrieren? Das ist Webdesign aus dem vorigen Jahrtausend. Aber ich will der Reihe nach vorgehen, denn Webdesign lebt nicht nur von Inhalt und Gestaltung, sondern auch von Interaktion und Usability.

Der Splash-Screen wirkt übersichtlich; groß in rot prangt dort »Der Stürmer«, in Fraktur. Darunter gleich eine griffige Tagline: »Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit«. Als Herausgeber wird Julius Streicher genannt, aber der dürfte jetzt keine redaktionelle Verantwortung mehr tragen, weil er doch längst tot ist. Kleiner Fauxpas, kann mal vorkommen. Auch übersichtlich – und userfriendly – die Sprachauswahl für vierundzwanzig Sprachen bzw. Länder. Alle Achtung!

Schließlich noch eine Weltkarte (liegt ja nahe!) mit der Verbreitung eurer Community. Wenn ich draufklicke, lande ich bei »ClustrMaps« und kann mir ein besseres Bild vom Ausmaß eurer internationalen Beziehungen machen. Die meisten Nazis, laut der Statistik dort, kommen also aus Bulgarien, danach Deutschland (na ja!), gefolgt von den USA. In Sri Lanka gibt es nur einen Nazi. Deshalb liegt es auf dem letzten Platz. Na, kann ja noch werden. Aber in der Übersicht betrachtet: Recht eindrucksvolle internationale Kameradschaft. Maseltov! Wenn es die schon Neunzehnhundertneununddreißig gegeben hätte … Aber ich gerate ins Schwärmen.

Zurück zum Splash-Screen. Typografisch gefallen mir daran einige Dinge aber nicht. »Der Stürmer« wurde seitlich arg gestaucht, die Zeichenbreite beträgt höchstens noch achtzig Prozent; das sehe ich mit bloßem Auge. Sowas ist aber verpönt unter Typografen: »DU SOLLST KEINE ZEICHEN STAUCHEN, VERZERREN ODER NEIGEN.« Das steht zwar nicht in Stein gemeißelt, aber nehmt es mir mal so ab.

Der zweite Fehler, auch typografisch, ist da schon schwerwiegender. Ihr benutzt eben eine Fraktur und schreibt wie folgt: »Deutsches Wochenblatt«. Hier hätte ein Lang-s stehen müssen: »Deutſches«. Dieser Fehler tritt häufiger auf, auf dieser Seite gleich darunter: »On-line seit« – »ſeit« müsste es lauten. Frakturen sind nicht einfach zu beherrschen, schon gar nicht in der heutigen Zeit, da sie (leider) kaum noch jemand verwendet. (Ihr seid da eine der wenigen Ausnahmen.) Auf einer weiteren Seite heißt es: »Die Juden sind unser Unglück!« Nein, eure Unkenntnis ist euer Unglück. Korrekt wäre: »Die Juden ſind unſer Unglück.« Denn merke: Mal von Großbuchstaben abgesehen, benutzt die Fraktur, meint hier: alle gebrochenen Schriftarten, im Deutschen sowohl Rund-s (s) wie auch Lang-s (ſ). Das Lang-s (ſ) steht immer am Wortanfang und, mit einigen Ausnahmen, in der Wortmitte. Das Rund-s (s) steht immer am Wortende und, bei Silbenendungen, auch in der Wortmitte. So die Faustregel. Ausnahmen bilden jedoch bestimmte Silbenendungen, abhängig von der Wortbedeutung. Scheint kompliziert, aber wenn man es einmal gründlich übt, beherrscht man auch den Gebrauch der Fraktur.